Beim Wort genommen: Folge 53

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Schlitzohr

Wenn man ein echtes Schlitzohr vor sich hat, weiß man nicht so genau, ob nun die Sympathie oder der Ärger überwiegt. Spontan wird assoziiert: Der ist listig, durchtrieben, ein Filou, ein Früchtchen, ein Cleverle.

Zwar hat auf alten Darstellungen auch der Teufel oft geschlitzte Ohren, aber in dem Fall scheint er nicht unbedingt das Vorbild gewesen zu sein, denn das Schlitzohr ist immerhin teilweise sympathisch. Da ist eine andere Überlieferung wahrscheinlicher: Früher waren als Bestrafung von Amts wegen Verstümmelungen üblich. Keine Hand ab für Diebe also, sondern ein gut sichtbarer Schlitz im Ohr als Strafe, Erkennungszeichen und zur allgemeinen Warnung. Seinen Ursprung hatte diese Art des Brandings vermutlich im Zusammenhang mit treulosen Zimmerleuten. Diese haben nämlich schon immer als eine Art Zunftzeichen Ohrringe getragen. Da lag es im Verdachtsfall nahe, sie als Bestrafung einfach herauszureißen. Zurück blieb beim Schuldigen ein geschlitztes Ohr als ewiger Makel – für die anderen ein geflügeltes Wort als Evergreen.

 

Beim Wort genommen: Folge 52


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Gelackmeiert, der Gelackmeierte sein

Manchmal will man es ganz genau wissen, vor allem bei so dubiosen und unzugänglichen Begriffen wie: gelackmeiert. Der Sinn ist wohl klar, aber in stillen Momenten fragt sich doch der ein oder andere, wo solch ein Wort wohl herkommt und wo es seinen Anfang nahm.

In dem Fall hat man es mit zwei Wurzeln zu tun, dem Lack und dem Meier. Lack ist an sich etwas Schönes, außer er ist ab oder jemand ist ein Lackaffe, also ein Gelackter, einer mit zu viel Lack – ein Wichtigtuer. Was gelackt ist, kommt entsprechend nicht gut an, es geht ums (Vor-)Täuschen. Der Meier (siehe: Major, Maire) war ursprünglich der Oberste, der Vorsteher, also eine respektierte Persönlichkeit. Wie bei vielen Begriffen gibt es aber auch hier eine Bedeutungsumkehr in spezifischen Kontexten, etwa bei Zusammensetzungen. Da rutscht dann die Meinung über Herrn Meier ganz tief in den Keller, Beispiel: Kraftmeier, Vereinsmeier etc. – alles durchweg verächtlich gemeint. Die Verbform dazu (meiern) hat sich mit dem Sinn „täuschen, foppen“ im Sprachgebrauch niedergeschlagen. Als Resultat ergibt sich, dass der Gelackmeierte gelackt und gemeiert – getäuscht und gefoppt – wird, also doppelt veräppelt.

 

 

Beim Wort genommen: Folge 51

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Kokolores

Redundanz kann auch was Schönes sein, z. B. bei kreativen Wortschöpfungen für Begriffe, die täglich hundertfach gebraucht und deshalb auch in zig Varianten parat sein sollten. „Blödsinn“ ist so ein Schlüsselwort, und der sinnverwandten Bildungen sind viele: Scheiß, Schwachsinn, Bockmist, Quark, Käse, Stuss … im Rheinland auch: Kappes. Eine etwas aus der Mode gekommene Perle aus dieser Reihe ist der Kokolores, ein Exot, von dem man nicht einmal die genaue Herkunft kennt. Das Wort galt lange als Pseudo-Latein, weil die Endung -es einen lateinischen Plural (Doctor, Doctores; Lector, Lectores) und damit die eigene Schlauheit vorgaukelte, also Unsinn war. Doch etlichen Sprachforschern fiel die – zumindest lautliche – Ähnlichkeit zum Gockel auf. Da sind wir vermutlich auf der richtigen Fährte, wenn man bedenkt, dass dieses niedere Tier gerne großtut durch stolze Gangart und unnützes Gekrähe. Passt alles haarscharf zur aktuellen Duden-Definition von Kokolores: Unsinn, Getue, Aufheben. Na bitte!

Beim Wort genommen: Folge 50

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So`n Kaventsmann!

Kennt jeder, oder? Ein Begriff aus der Abteilung Prahlerei: Gemeint ist der fetteste Motor, das dickste Steak auf dem Grill, der Riesenfang … ein Synonym also für gigantisch, kolossal, mordsmäßig groß. Im Sprachgebrauch ist der Kaventsmann (auch Kawenzmann etc.) noch nicht sehr lange (weniger als 200 Jahre), aber seit ewig schon gehört er zum Sprachcode der Seeleute, die damit keineswegs nur geprahlt haben – was sie ja gern tun, weil es für ihre Storys selten Augenzeugen gibt. Für sie sind Kaventsmänner die schiffeverschlingenden Riesenwellen, deren Existenz ihnen jahrhundertelang keiner abgekauft hat. Denn die sollten doppelt so hoch sein wie wissenschaftlich anerkannt. Da legte man sich für die Vielzahl verschollener Trawler und zerschlagener Frachtschiffe lieber menschliches Versagen als Ursache zurecht … bis die modernen Satellitenaufnahmen schließlich den Seeleuten Recht gaben. Wie sie einst aber überhaupt auf den Begriff gekommen sind? Schriftquellen sind in dem Umfeld selten, aber man munkelt, der Kaventsmann leite sich von dem Konventsmann ab, dem wohlgenährten Mönch –  jede Riesenwelle war damit quasi dessen Karikatur und bei dramatischem Wellengang vielleicht der einzige Grund zum Lachen …