Beim Wort genommen: Folge 54

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Den Molli machen

Was eine Molle ist, weiß man genau, zumindest in Berlin: ein Glas Bier. Wer oder was aber ist der sprichwörtliche Molli? Da wird es ganz schön schwammig, und das bleibt auch so. Denn bislang hat die Wissenschaft sich an dem Molli die Zähne ausgebissen, sprich keine belastbare etymologische Erklärung finden können.

Vieles ist dazu im Umlauf. Fest scheint zu stehen, dass der Begriff „den Molli machen“ nur im Rheinland verbreitet ist. Alles, was darüber hinausgeht, ist Spekulation: Er könne etwas mit Maulwürfen oder dem Brüderschafttrinken zu tun haben, vielleicht auch mit dem Verdreschen von Hunden. Interessanter ist der Verweis auf das französische Wort „moulin“, (Wind-)Mühle. Verwendet wird die Redewendung in dem Sinn: vorführen, hintergehen, jemandem auf der Nase herumtanzen. Da geht es also darum, mit einer Person etwas zu veranstalten, wogegen sich diese nicht wehren kann und dem sie in der Art ausgesetzt ist wie … z. B. die Windmühle dem aufprallenden Wind.

Mit etwas Fantasie könnte man gleich noch eine Nebenerklärung unterbringen, weil nämlich Molli auch die Kurzform von Molotowcocktail ist – und der verhält sich zu seinem Anschlagsziel gewissermaßen wie der Wind zur Mühle.

Beim Wort genommen: Folge 53

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Schlitzohr

Wenn man ein echtes Schlitzohr vor sich hat, weiß man nicht so genau, ob nun die Sympathie oder der Ärger überwiegt. Spontan wird assoziiert: Der ist listig, durchtrieben, ein Filou, ein Früchtchen, ein Cleverle.

Zwar hat auf alten Darstellungen auch der Teufel oft geschlitzte Ohren, aber in dem Fall scheint er nicht unbedingt das Vorbild gewesen zu sein, denn das Schlitzohr ist immerhin teilweise sympathisch. Da ist eine andere Überlieferung wahrscheinlicher: Früher waren als Bestrafung von Amts wegen Verstümmelungen üblich. Keine Hand ab für Diebe also, sondern ein gut sichtbarer Schlitz im Ohr als Strafe, Erkennungszeichen und zur allgemeinen Warnung. Seinen Ursprung hatte diese Art des Brandings vermutlich im Zusammenhang mit treulosen Zimmerleuten. Diese haben nämlich schon immer als eine Art Zunftzeichen Ohrringe getragen. Da lag es im Verdachtsfall nahe, sie als Bestrafung einfach herauszureißen. Zurück blieb beim Schuldigen ein geschlitztes Ohr als ewiger Makel – für die anderen ein geflügeltes Wort als Evergreen.

 

Beim Wort genommen: Folge 52


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Gelackmeiert, der Gelackmeierte sein

Manchmal will man es ganz genau wissen, vor allem bei so dubiosen und unzugänglichen Begriffen wie: gelackmeiert. Der Sinn ist wohl klar, aber in stillen Momenten fragt sich doch der ein oder andere, wo solch ein Wort wohl herkommt und wo es seinen Anfang nahm.

In dem Fall hat man es mit zwei Wurzeln zu tun, dem Lack und dem Meier. Lack ist an sich etwas Schönes, außer er ist ab oder jemand ist ein Lackaffe, also ein Gelackter, einer mit zu viel Lack – ein Wichtigtuer. Was gelackt ist, kommt entsprechend nicht gut an, es geht ums (Vor-)Täuschen. Der Meier (siehe: Major, Maire) war ursprünglich der Oberste, der Vorsteher, also eine respektierte Persönlichkeit. Wie bei vielen Begriffen gibt es aber auch hier eine Bedeutungsumkehr in spezifischen Kontexten, etwa bei Zusammensetzungen. Da rutscht dann die Meinung über Herrn Meier ganz tief in den Keller, Beispiel: Kraftmeier, Vereinsmeier etc. – alles durchweg verächtlich gemeint. Die Verbform dazu (meiern) hat sich mit dem Sinn „täuschen, foppen“ im Sprachgebrauch niedergeschlagen. Als Resultat ergibt sich, dass der Gelackmeierte gelackt und gemeiert – getäuscht und gefoppt – wird, also doppelt veräppelt.

 

 

Beim Wort genommen: Folge 51

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Kokolores

Redundanz kann auch was Schönes sein, z. B. bei kreativen Wortschöpfungen für Begriffe, die täglich hundertfach gebraucht und deshalb auch in zig Varianten parat sein sollten. „Blödsinn“ ist so ein Schlüsselwort, und der sinnverwandten Bildungen sind viele: Scheiß, Schwachsinn, Bockmist, Quark, Käse, Stuss … im Rheinland auch: Kappes. Eine etwas aus der Mode gekommene Perle aus dieser Reihe ist der Kokolores, ein Exot, von dem man nicht einmal die genaue Herkunft kennt. Das Wort galt lange als Pseudo-Latein, weil die Endung -es einen lateinischen Plural (Doctor, Doctores; Lector, Lectores) und damit die eigene Schlauheit vorgaukelte, also Unsinn war. Doch etlichen Sprachforschern fiel die – zumindest lautliche – Ähnlichkeit zum Gockel auf. Da sind wir vermutlich auf der richtigen Fährte, wenn man bedenkt, dass dieses niedere Tier gerne großtut durch stolze Gangart und unnützes Gekrähe. Passt alles haarscharf zur aktuellen Duden-Definition von Kokolores: Unsinn, Getue, Aufheben. Na bitte!