Westdeutsche Dialekte sind vom Aussterben bedroht

Eine sprachhistorische Bestandsaufnahme: Das groß angelegte Forschungsvorhaben „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland“ dokumentiert westdeutsche Dialekte und deren Veränderungen über die vergangenen Jahre hinweg

Im Rahmen des sprachwissenschaftlichen Mammutprojekts „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland“ werden Sprachwissenschaftler der Universitäten Bonn, Münster, Paderborn und Siegen im Laufe der kommenden 17 Jahre Informationen über westdeutsche Dialekte zusammentragen – und dabei auch Mundarten dokumentieren, die bisher in keinem modernen Sprachatlas erfasst sind. Unter anderem soll im Rahmen des Projekts eine digitale Landkarte mit Hörproben der regionalen Sprachvarietäten entstehen.

Und diese sind zahlreich. In Westdeutschland, besonders in Nordrhein-Westfalen, ist die Dichte an Mundarten außerordentlich hoch, denn hier kreuzen sich verschiedene geografische Sprachgrenzen, die auf historische Lautverschiebungen zurückzuführen sind. Die bekannteste unter ihnen ist die Benrather Linie, die auf Höhe des Düsseldorfer Stadtteils Benrath von West nach Ost über den Rhein verläuft und den niederfränkischen Sprachraum, zu dem auch das Düsseldorfer Platt gehört, von der ripuarischen Mundartengruppe im Raum Köln, Bonn und Aachen trennt.

Westdeutsche Dialekte: Regiolektkarte des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte (LVR)

Viele westdeutsche Dialekte sterben nach und nach aus

Der traurige Grund für das groß angelegte Forschungsprojekt: Die Zeit drängt, denn schon seit geraumer Zeit sterben viele Dialekte nach und nach aus. Daher wollen die Forscher nun alles daransetzen, die noch fassbaren Bestände der westdeutschen Dialekte umfassend zu dokumentieren. Eine solche Auseinandersetzung mit dialektalen Varietäten ist sowohl sprachhistorisch als auch kulturell lohnend, denn oft variieren die Mundarten auf kleinstem Raum und erzählen ihre eigenen Geschichten von der Vergangenheit der entsprechenden Region – beispielsweise von historischen Handelsrouten, die sich anhand der Verbreitung bestimmter dialektaler Besonderheiten nachvollziehen lassen.

Nachweise dieser regionalen Mundarten sind in einigen Gebieten jedoch bereits heutzutage nur noch schwer zu finden. Eine Entwicklung, die nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass westdeutsche Dialekte – oft abschätzig als „Bauernsprache“ bezeichnet – vor allem seit den 60er-Jahren vermehrt mit einem niedrigen Bildungsniveau in Verbindung gebracht wurden. Die Kinder sollten Hochdeutsch sprechen, und der eigene Dialekt – die Muttersprache – wurde nicht an nachfolgende Generationen weitergegeben.

Kölsch: ein salonfähiger westdeutscher Dialekt – und eine eigenständige Sprache

Tatsächlich unterscheiden sich einige Mundarten derart stark vom Hochdeutschen, dass sie als eigene Sprachen angesehen werden können. So auch Kölsch, das seinen Ruf als „Arbeitersprache“ hinter sich gelassen hat und längst wieder salonfähig ist. Im Gegensatz zu vielen anderen vom Aussterben bedrohten westdeutschen Dialekten wird das Kölsch aktiv gepflegt: In zahlreichen Kölner Schulen steht es wieder auf dem Unterrichtsplan. Deshalb haben einige junge Kölner das Glück, zweisprachig aufzuwachsen: Sie sprechen Regional- und Hochsprache.

Als Kölner Lektorats- und Übersetzungsbüro leistet selbstverständlich auch Wort für Wort seinen Beitrag zur Pflege der regionalen Sprachvarietät: So wird auch Kölsch Korrektur gelesen und Hochdeutsch ins Kölsche übersetzt – natürlich nur von Muttersprachlern!

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