Als ich vor Jahrzehnten als Grundschülerin mit meiner Familie aus Schleswig-Holstein ins Rheinland gezogen bin, war der kölsche Dialekt für meine Mutter ein rotes Tuch – immerhin galt korrekte Rechtschreibung als Türöffner in Schule und Beruf. Sie bläute mir ein, ich solle weiterhin Hochdeutsch sprechen und nicht Kölsch, sonst würde auch meine Rechtschreibung leiden und ich vielleicht bald so schreiben, wie hier im Rheinland gesprochen wird … Schnittschen führte sie mir immer als abschreckendes Beispiel auf. Heute, mit Sitz meines Lektorats- und Übersetzungsbüros „Wort für Wort“ mitten in Köln, sehe ich Dialekt mit anderen Augen: als lebendige Sprache, als Teil der Identität – und gerade im Rheinland als Kulturgut.
Im Zusammenhang
mit KI bin ich jüngst durch eine Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Universität Hamburg erneut auf das Thema gestoßen: Laut der Untersuchung neigen Sprachmodelle dazu, Sprechende von Dialekten systematisch schlechter zu bewerten als Hochdeutschsprechende. Häufig verwendete Adjektive für Dialektsprechende sind „ungebildet“ oder „unfreundlich“, während Hochdeutsch mit „gebildet“, „professionell“ und „vertrauenswürdig“ assoziiert wird.
Doch warum stuft KI Dialektsprechende oft negativer ein? Ganz einfach: Die KI „lernt“ anhand riesiger Mengen an Text und Audiomaterial aus dem Internet. Und darin wimmelt es von Vorurteilen – viele davon sind tief verwurzelt und werden nie wirklich hinterfragt.
Dialekte galten in Deutschland jahrzehntelang als „Sprache der einfachen Leute“. Hochdeutsch dagegen war die Prestigesprache: korrekt, kultiviert, offiziell.
Die KI übernimmt diese Muster ungefiltert. Kurz: Die Maschine imitiert die gesellschaftlichen Denkmuster.
Dabei weiß ich aus meiner täglichen Arbeit bei „Wort für Wort“: Dialekt erlebt in der Werbung gerade einen echten Boom. Unternehmen setzen bewusst auf Regiolekte wie Kölsch, um Nähe und Authentizität zu vermitteln. Für die entsprechenden Zielgruppen funktioniert das hervorragend: Regionale Dialekte wecken Gefühle, schaffen Identifikation – und oft wirken sie viel sympathischer als austauschbares Hochdeutsch.
Und weil wir mitten in Köln sitzen und den Dialekt lieben, bieten wir selbstverständlich auch Lektorate von kölschen Texten an, die wir auf Grammatik, Stil, Authentizität und kölsche Tön prüfen.
Denn Kölsch ist nicht nur ein Dialekt, Kölsch ist ein Lebensgefühl.
Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir Dialekt nicht mehr verstecken, sondern bewusst einsetzen, auch in der Werbung. Und KI-Entwickler sollten dringend dafür sorgen, dass ihre Modelle Sprachvielfalt nicht diskriminieren, sondern feiern.
Denn Sprache ist Identität.


