So gendern Sie richtig

Gendern oder (noch) nicht gendern?
Bestimmt ist es Ihnen beim Fernsehen oder Radiohören auch schon aufgefallen: Immer häufiger machen Sprecherinnen und Sprecher mitten im Wort eine kurze Pause, um der männlichen Form eines Wortes gleich noch die weibliche Endung anzuhängen (z. B. „Zuschauer_innen“) – sie gendern.
Gendern (von englisch gender = „soziales Geschlecht“) bezeichnet den Vorgang, gesprochene wie auch geschriebene Texte so zu gestalten, dass Menschen jedweden Geschlechts – also weiblich, männlich, divers – sich gleichermaßen angesprochen fühlen. Mit der Verwendung einer gendergerechten Sprache soll ein Bekenntnis zur Gleichberechtigung aller Menschen zum Ausdruck gebracht werden. Zugleich bedeutet sie eine Abkehr vom jahrhundertelang vorherrschenden „generischen Maskulinum“, also der Verwendung der männlichen Form, die alle anderen miteinschließen soll: Wer „… fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker …“ sagt, meint damit ja in der Regel auch Heilkundige jeden Geschlechts, benennt aber nur die männlichen.

 

Gendern und eine gendergerechte Sprache setzen sich einerseits langsam durch, werden andererseits aber von großen Teilen der Gesellschaft abgelehnt. Die befragten jüngeren und weiblichen Probanden in den unterschiedlichen Studien haben eher eine positive Einstellung zum Gendern, während ältere Menschen und vor allem Männer eher gegen das Gendern sind. Die Frage „Gendern oder nicht gendern?“ wird aber auch unter Sprachprofis wie unter Laien heftig und oft hitzig diskutiert, und das Thema war dem SPIEGEL einen fast achtseitigen Leitartikel wert (DER SPIEGEL, Nr. 10/2021 vom 6.3.2021).

Der Wort für Wort-Tipp
Wenn Ihre Zielgruppe eher älter und eher männlich ist, könnte konsequentes Gendern, z. B. auf Ihrer Internetseite, zu Ablehnung führen. In diesem Fall ist eine vorangestellte Gendererklärung, wie sie unter Punkt 9.) vorgeschlagen wird, vielleicht die beste Wahl.
Wenden Sie sich mit Ihrer Unternehmenskommunikation dagegen an ein junges Publikum, so erwartet Ihre Zielgruppe möglicherweise sogar gegenderte Texte von Ihnen – also unbedingt umsetzen!

 

Was ist gendern?

Die Gleichberechtigung aller Geschlechter – weiblich, männlich und divers – in unserer Gesellschaft herzustellen, soll sich auch in der (geschriebenen) Sprache widerspiegeln, denn sie ist politisch gewollt und im Grundgesetz verankert. Weibliche, männliche und diverse Menschen sollen sich, sofern der Kontext es verlangt, immer und überall gleichermaßen angesprochen fühlen. Richtiges Gendern von Texten ist also ein wichtiges Instrument, um die Gleichstellung sichtbar zu machen.
Das Argument, in der männlichen Form seien alle Geschlechter mitgemeint, hat sich überlebt, es ist auch stark umstritten. Wir wollen hier aber nicht zu sehr in die Tiefen der sprachlichen Grundlagen hinabsteigen und verschonen Sie an dieser Stelle mit Begriffen wie semantisches, soziales und biologisches Geschlecht oder dem generischen Maskulinum. Wir fokussieren uns hier auf die Wortebene.

Welche Möglichkeiten für das korrekte Gendern gibt es?

  1. Als Erstes steht die ausführliche Doppelnennung zur Wahl. Es werden explizit weibliche und männliche Personen adressiert wie in Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, jede und jeder etc. Dies ist dann sinnvoll, wenn sich Männer und Frauen individuell angesprochen fühlen sollen.
  2. Dort, wo Frauen gemeint sind, die femininen Endungen benutzen, also Engländer/Engländerin, Doktor/Doktorin, Bürgermeister/Bürgermeisterin, Bote/Botin etc.
  3. „Mann“ durch „Frau“ ersetzen, also Fachmann/Fachfrau, Hausmann/Hausfrau. Im Plural kann man hier in einigen Fällen „Leute“ einsetzen.
  4. Dann gibt es eine Reihe von Verkürzungen mithilfe eines Schrägstrichs und eines Bindestrichs. Der Duden nennt dies die „Sparschreibung“: Mitarbeiter/-innen, Arzt/Ärztin, jede/-r. Es ist aber auch eine Schreibung ohne den Ergänzungsbindestrich möglich: jede/r, Mitarbeiter/innen.
  5. Das Binnen-I wie in MitarbeiterInnen ist seit den frühen 1980er Jahren in Gebrauch, wird aber von Queer- und Transmenschen oftmals abgelehnt. Es ist nicht Teil der offiziellen Regeln.
  6. Die Klammerlösung ist heute kaum noch gebräuchlich (Lehrer(in), Student(inn)en). Die feminine Form in Klammern könnte als zweitrangig angesehen werden, was dem Prinzip der Gleichbehandlung in der Sprache widerspräche.
  7. Mehr und mehr haben sich in den letzten Jahren Genderstern (Mitarbeiter*innen), Unterstrich (Mitarbeiter_innen) und Doppelpunkt (Mitarbeiter:innen) durchgesetzt. Sie alle sollen Geschlechterstereotypen entgegenwirken und auch transsexuelle, intersexuelle und kurz als divers bezeichnete Menschen umfassen – auch wenn alle drei Schreibweisen nicht dem offiziellen Regelwerk entsprechen.
    Ein besonderer Nachteil des Sternchens: Sprachprogramme, die z. B. sehbehinderten Menschen Texte vorlesen, sprechen das „*“ als „Sternchen“ mit – das ist verwirrend. Der Doppelpunkt wird dagegen als kurze Pause hörbar und ist gut verständlich.
  8. Gänzlicher Verzicht auf männliche oder weibliche Formen. Vor allem im Plural ist hier Genderneutralität gegeben: Belegschaft, Kollegium, Lesende, Schreibende, Studierende, Lehrende, Team (statt Mannschaft) etc.
  9. Last, but not least: Ein Text wird gar nicht gegendert bzw. verändert. Stattdessen stellt man dem Text einen Passus voran, der folgendermaßen lauten könnte: „Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Publikation auf geschlechtsspezifische Formulierungen verzichtet. Soweit personenbezogene Bezeichnungen nur in männlicher Form angeführt sind, beziehen sie sich immer auf alle Geschlechter in gleicher Weise.“

Sechs Profitipps: richtig gendern

Um Ihnen nun in diesem fast unüberschaubaren Wirrwarr an Möglichkeiten eine Orientierung im „Genderdschungel“ zu bieten, haben wir sechs einfache Regeln für Sie zusammengestellt. Wenn Sie diesen folgen, ist Ihr Text definitiv gendergerecht – und gut lesbar.
Zunächst einmal: „Richtig“ oder „falsch“ gibt es im Zusammenhang mit korrektem Gendern nicht. Es geht vielmehr darum, eine adäquate Form der Beschreibung zu finden, die dem Text sowie dem Sachverhalt angemessen ist und gleichzeitig die Verständlichkeit für die Lesenden möglichst wenig beeinträchtigt.

  1. Sparlösungen vermeiden.
    Ja: Liebe Mieterinnen und Mieter, besprechen Sie das mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt/Ihrer Ärztin
    Nein: Besprechen Sie das mit Ihrer/Ihrem, Ihrer/-m Ärztin/Arzt
  2. Verwenden Sie Ersatzformen wie oben unter 8.) genannt.
  3. Finden Sie abstrakte Formen, um Personen zu beschreiben. Dadurch vermeiden Sie schlecht lesbare Doppelformen:
    Ja: Leitung, Professur, Vorsitz, Gäste, Hilfskräfte, Presse
    Nein: Leiter, Professor, Vorsitzender, Teilnehmer, Helfer, Journalist
    Hier ist darauf zu achten, dass Texte durch Abstraktionen nicht zu unpersönlich wirken.
  4. Direkte Anrede der Lesenden: Auch hier ist Kreativität gefragt, denn zur besseren Lesbarkeit ist es manchmal notwendig, Sachverhalte gendergerecht umzuformulieren:
    Ja: Bitte unterschreiben Sie hier!
    Nein: Der Antragsteller wird gebeten, hier zu unterschreiben.
    Ja: Bitte stellen Sie sich an!
    Nein: Besucher werden gebeten, sich anzustellen!
  5. Umformulierung des Adjektivs
    Ja: fachkundiger Rat, kritische Stimmen,
    Nein: Rat des Fachmanns, Kritiker
    oder Bildung von Relativsätzen:
    Ja: alle, die teilnahmen …, wer studiert hat …, diejenigen, die das Buch verfasst haben …
    Nein: alle Teilnehmer …, Akademiker, die …, die Autoren …
  6. Eine Gendererklärung wie unter 9.) beschrieben.
Das Resümee von Wort für Wort:
Doppelformen sind üblich, regelkonform und zu empfehlen. Sparformen sind im jeweiligen Kontext sinnvoll und platzsparend (Schrägstrichlösung). Auch eine Gendererklärung kann je nach Textart und -umfang aus Gründen der besseren Lesbarkeit sinnvoll sein. Durch die verschiedenen Möglichkeiten, Personenbezeichnungen wie unter IV. und V. aufgeführt, umzuformulieren, gendern Sie korrekt, ohne den Lesefluss zu unterbrechen.Gendersensibel zu schreiben ist keine Hexerei. Man braucht nur ein wenig Übung.
Seien Sie kreativ!

Quelle: Diewald, Gabriele und Steinhauer, Anja: Richtig gendern. Dudenverlag, Berlin 2017
Zum Weiterlesen: https://gfds.de/standpunkt-der-gfds-zu-einer-geschlechtergerechten-sprache/