Übersetzungskultur und Sprachgeschichte – David Bellos im Dialog mit Kölner Sprachinteressierten

Am 5. Juni 2014 stellte David Bellos sein neues Buch über Sprach- und Übersetzungskultur in der Lengfeld’schen Buchhandlung in Köln vor und sprach mit den Gästen über den Grundgedanken hinter einer hochwertigen Übersetzung

David Bellos signiert in Köln seine Geschichte der Übersetzungskultur

David Bellos signiert in Köln sein Buch

Rund 40 Teilnehmer, darunter eine Mitarbeiterin von Wort für Wort, saßen in gemütlicher Runde in der kleinen Buchhandlung in der Kölner Innenstadt beisammen, um von David Bellos mehr über sein neues Werk Was macht der Fisch in meinem Ohr? zu erfahren und sich mit dem Autor über Übersetzungskultur und Sprachwandel auszutauschen. Der englische Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Buchautor, der neben seiner Muttersprache auch Französisch und Deutsch spricht, beantwortete Fragen zum Buch und philosophierte mit den Gästen über die Geschichte der Übersetzungskultur, die gesellschaftliche Bedeutung und den Wandel der Sprache und nicht zuletzt über den Unterschied zwischen schlechten und qualitativ hochwertigen Übersetzungen – ein Thema, das dem Wort für Wort-Team besonders am Herzen liegt.

Ein kurzer Essay über den Charakter einer hochwertigen Übersetzung wurde zu 32 Kapiteln rund ums Thema Übersetzungskultur

Den Anfang des Buches machte, so verriet Bellos den Gästen, ein Essay, den er nur für sich selbst schrieb. Es war ihm nämlich ein persönliches Anliegen, die weit verbreitete Meinung zu widerlegen, dass eine Übersetzung stets eine zweitrangige Position einnimmt, da sie das Original nicht ersetzen kann. Genau das sei schließlich die Aufgabe einer hochwertigen Übersetzung, betonte er gegenüber dem Publikum. Sie müsse nicht als schlechterer, sondern als anderer Zustand eines Textes angesehen werden. Aus dem Essay entwickelte sich in kurzer Zeit – David Bellos schrieb sein Buch innerhalb eines halben Jahres – eine ganze Essaysammlung zu den Themen Übersetzungskultur, Sprachwandel und Kulturgeschichte.

„Die Worte, die auf der Seite geschrieben stehen, sind für den Übersetzer sehr hilfreich.“

Mit dieser paradox anmutenden Aussage amüsierte der Autor das Publikum, doch der Sinn dahinter wurde schnell klar: „Wenn man nur die Worte übersetzt, hat man nichts übersetzt.“ Mit diesem Statement spricht der erfahrene Literaturwissenschaftler und Übersetzer David Bellos dem Übersetzerteam von Wort für Wort aus der Seele. Denn die vielen missglückten Übersetzungen, mit denen der Markt leider zunehmend überschwemmt wird, tragen nicht dem essentiellen Grundgedanken Rechnung, dass die Bedeutung eines Textes sich nicht allein aus den Worten ergibt, aus denen er sich zusammensetzt. Es ist der Sprache eigen, dass sie Gedachtes niemals perfekt oder eindeutig festhalten kann. Und genau wie Sprache an sich, erklärte David Bellos, basiere auch die gesamte Übersetzungskultur auf der Idee, dass es mehrere Arten gibt, dieselben Gedanken auszudrücken. Ein professioneller Übersetzer kennt deshalb alle Eigenarten der Quell- und Zielsprache, nimmt sich die Zeit, sich intensiv mit dem Sinn des Geschriebenen auseinanderzusetzen, und adaptiert den ursprünglichen Text treffend in die Zielsprache.

In Bellos Augen ist eine Übersetzung dann gelungen, wenn sie nicht als solche erkennbar ist und gleichzeitig die Fremdheit des Fremden nicht verbirgt. Dass dazu ein regelrechter Spagat vonnöten ist, wird umso klarer, wenn man sein Buch zur Hand nimmt und in die Welt der Sprach- und Übersetzungsgeschichte und -philosophie eintaucht. Genau diesen Spagat vollführen die Übersetzer von Wort für Wort seit über 20 Jahren – denn nur mit viel Feingefühl, Sprachverständnis und Erfahrung kann eine hochwertige Übersetzung entstehen.

Interessieren auch Sie sich für Übersetzungskultur und wollen mehr über Was macht der Fisch in meinem Ohr? erfahren? Hier finden Sie unseren Buchtipp.

Buchtipp Juni 2014: David Bellos – Was macht der Fisch in meinem Ohr?

Buchcover David Bellos – Was macht der Fisch in meinem Ohr?David Bellos erzählt von „Sprache, Übersetzen und der Bedeutung von allem“

Autor: David Bellos

Titel: Was macht der Fisch in meinem Ohr?

Übersetzerin: Silvia Morawetz

Verlag: Eichborn (2013)

Genre: Sachbuch


 Kurzinhalt von David Bellos‘ Was macht der Fisch in meinem Ohr?

„Sprache, Übersetzen und die Bedeutung von allem“ – der humoristisch klingende Untertitel spiegelt den Inhalt dieses empfehlenswerten Buches von David Bellos perfekt wider. Denn Was macht der Fisch in meinem Ohr? dreht sich rund um die Kultur des Übersetzens und ist gleichzeitig eine Reflexion über den Wandel von Sprache und Gesellschaft.

In den 32 kurzen Kapiteln bringt David Bellos verschiedene übersetzungsphilosophische Themen zur Sprache: Woher stammt das Wort „übersetzen“? Welche Bedeutung haben Übersetzungen und was können wir aus ihnen lernen? Nach welchen Maßstäben kann man eine Übersetzung als gut oder schlecht beurteilen?

Auch mit der Funktion und Bedeutung von Sprache beschäftigt der Autor sich: Bellos widerspricht  beispielsweise der im 19. und 20. Jahrhundert vertretenen These der „Reinheit“ von Sprache und philosophiert über die Unmöglichkeit, sich sprachlich exakt auszudrücken.

Zudem ist das Buch mit eigenen Thesen gespickt: So spekuliert David Bellos, dass das Misstrauen gegenüber Übersetzern einer Zeit entstammt, in der man – viel stärker als heutzutage – auf deren Ehrlichkeit angewiesen war, da Sprache noch rein mündlich übermittelt wurde, also keinerlei Möglichkeit zur Fixierung des Gesagten bestand und Übersetzungen im Nachhinein nicht auf ihre Richtigkeit überprüft werden konnten. Außerdem geht er von einer hierarchischen Ordnung der Sprachen aus: Wird „aufwärts“ übersetzt, so steht die Zielsprache in der Rangordnung über der Ausgangssprache, in einer „abwärts“ gerichteten Übersetzung finden sich bewusste Spuren der Quellsprache.

Der Titel des Buches ist eine Anspielung auf Douglas Adams‘ Klassiker Per Anhalter durch die Galaxis. In dem Roman ermöglicht der „Babelfisch“ einem jeden, der sich dieses kleine Wesen ins Ohr einführt, das Verständnis aller gesprochenen Sprachen – eine unerreichbare Utopie. Was macht also der Fisch in meinem Ohr? Er hat dort gar nichts zu suchen! Denn in unserer Welt kommt die Aufgabe der Vermittlung zwischen Kulturen und Sprachen den Übersetzern und Dolmetschern zu.

David Bellos wirft in seinem Buch elementare Fragen auf, die der Leser bei der Lektüre selbst zu beantworten versuchen kann: Was ist Übersetzen? Und kennen wir überhaupt die Antwort auf diese Frage?

Was dieses Buch von David Bellos so lesenswert macht:

In seinem Buch Was macht der Fisch in meinem Ohr? bereitet David Bellos geschickt Fakten zum Thema Übersetzen individuell und ansprechend auf. Der essayartige Charakter jedes einzelnen Kapitels erleichtert das Lesen und seine lebendige Sprache lässt vergessen, dass es sich um ein theoretisches Werk handelt. Das Gemisch aus eigenen Erfahrungen und vergangenen Beobachtungen verschiedener Gelehrter gestaltet David Bellos verständlich und mit einer guten Portion Humor.

Beim Lesen des Buches wird nach und nach immer klarer, dass bei der Betrachtung verschiedener Sprachen nicht die Barrieren und Grenzen bedeutend sind, sondern vor allem die Gemeinsamkeiten. Obwohl es durchaus Kulturen gab, in denen das Übersetzen eine untergeordnete Rolle spielte, so ist diese Disziplin in unserer modernen Gesellschaft unverzichtbar. Doch nicht nur das: Die Auseinandersetzung mit der Kultur des Übersetzens hilft uns, gegenwärtige und vergangene Gesellschaften besser zu verstehen. Diese und viele andere wertvolle Erkenntnisse machen David Bellos‘ Buch nicht nur für Übersetzungsfreunde, sondern für jeden Kulturinteressierten empfehlenswert.

Wer neugierig geworden ist, der kann hier in das Buch reinlesen.

Am 5. Juni besuchte ich die Buchvorstellung in der Lengfeld’schen Buchhandlung in Köln, wo David Bellos Fragen rund um Übersetzungen und Sprache beantwortete. Hier finden Sie einen Bericht über den Abend.