Postfaktisch ist Wort des Jahres 2016

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Am 9. Dezember 2016 erklärte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) postfaktisch zum Wort des Jahres 2016. Mit der Wahl soll das Augenmerk auf einen „tiefgreifenden politischen Wandel“ gerichtet werden.

Postfaktisch durch das Jahr 2016

Wie die GFdS erklärte, verweise das Adjektiv postfaktisch darauf, „dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht“. Keine Tatsachen, sondern Gefühle und persönliche Überzeugungen beeinflussen im „postfaktischen Zeitalter“ die Meinung der Menschen. „Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen ‚die da oben‘ bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren“, so die Jury.

Postfaktisch tritt verstärkt im Zusammenhang mit dem jetzigen US-Präsidenten Donald Trump auf, der sich schon das ein oder andere Mal gegen wissenschaftlich belegbare Fakten aussprach. 2012 leugnete er beispielsweise in einem Tweet den Klimawandel.

Bei postfaktisch handelt es sich um eine Lehnübertragung der US-amerikanischen Bezeichnung post truth, die von den Oxford Dictionaries zum internationalen Wort 2016 gewählt wurde. Wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt heißt postfaktisch so viel wie nachfaktisch. Der Bedeutung entsprechend müsse es eher kontra- oder antifaktisch heißen. Zugrunde liege aber laut Jury, ähnlich wie bei Postmoderne oder Poststrukturalismus, die Vorstellung einer neuen Epoche.

 Wort des Jahres 2016 – Top Ten

Insgesamt wählte die Jury bei der Wahl zum Wort des Jahres 2016 neun Wörter und einen Satz aus, die die öffentliche Diskussion 2016 besonders bestimmt haben bzw. für wichtige Themen in dem Jahr standen.

Auf das Siegerwort postfaktisch folgte Brexit auf dem 2. Platz. Mit Brexit wird der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union bezeichnet.

Silvesternacht machte beim Wort des Jahres 2016 den 3. Platz. Seit den Kölner Geschehnissen in der Nacht auf den 1. Januar 2016 gibt es nicht länger nur positive Assoziationen mit dem Jahreswechsel, sondern auch solche, die mit den von hauptsächlich aus nordafrikanischen und arabischen Ländern stammenden jungen Männern verübten sexuellen Übergriffen auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof und dem damit verbundenen stark kritisierten Polizeieinsatz in besagter Nacht zusammenhängen.

Auf Platz 4 wurde Schmähkritik gewählt, eine kritische Äußerung, bei der die Diffamierung einer Person im Vordergrund steht. Furore macht der Begriff durch das Schmähgedicht von Jan Böhmermann über den türkischen Staatspräsidenten Erdoğan.

Mit dem auf den 5. Platz gewählten Trump-Effekt werden die vermuteten Auswirkungen der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl bezeichnet.

Platz 6 belegte der Begriff Social Bots. Darunter versteht man Computerprogramme, die bestimmte sich wiederholende Aufgaben automatisch ausführen und in sozialen Netzwerken eingesetzt werden, um Werbung oder politische Propaganda zu verbreiten. Auf diese Weise kann „das Vorherrschen bestimmter Meinungen oder Stimmungsbilder“ vorgetäuscht werden.

Der Ausdruck schlechtes Blut kam auf den 7. Platz und stammt vom türkischen Staatspräsidenten Erdoğan. Er diffamierte 2016 türkischstämmige Bundestagsabgeordnete mit dem Vorwurf, schlechtes Blut zu haben, nachdem sie dafür gestimmt hatten, das türkische Verhalten gegenüber den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Völkermord zu bezeichnen.

Gruselclown belegte den 8. Platz. Damit wird das Phänomen beschrieben, dass sich seit Jahren Menschen weltweit als gruselige Clowns verkleiden, um ihre Mitmenschen zu erschrecken, und dies auf Videos festhalten, die sie oftmals zur allgemeinen Belustigung ins Internet stellen. 2016 artete dieser Trend allerdings mehrfach in gewaltsame Übergriffe aus.

Burkiniverbot wurde von der Jury auf den 9. Platz gewählt. Das Verbot des ganzkörperverhüllenden Badeanzugs wurde 2016 in Frankreich verhängt, aber schon nach kurzer Zeit wieder von den Gerichten aufgehoben. Es erhitzte auch in Deutschland die Gemüter im Zusammenhang mit dem Thema der Vollverschleierung.

Auf den 10. Platz wählte die Jury den Satz Oh, wie schön ist Panama mit Bezug auf die Enthüllung über Briefkastenfirmen in Panama, die weltweit zu einer Reihe von Untersuchungen wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Steuerbetrug führte.

 Frühere Wörter des Jahres

2015 führten die Wörter bzw. Phrasen Flüchtlinge, Je suis Charlie und Grexit das Ranking an. 2014 waren es Lichtgrenze, Schwarze Null und Götzseidank und 2013 GroKo, Protz-Bischof und Armutseinwanderung.

 Die Wahl zum Wort des Jahres

2016 wurden die Wörter des Jahres zum 41. Mal bekannt gegeben. Bei der Wahl zum Wort des Jahres ist nicht die Vorkommenshäufigkeit eines Wortes entscheidend, sondern vielmehr seine Signifikanz für das entsprechende Jahr. So wählt die Jury solche Wörter aus, die die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Geschehnisse während eines Jahres sprachlich besonders gut charakterisieren.

Jugendsprache: Verrohung oder Wandel der Sprache?

Zwei Mädchen, die sich in einer Schule in den USA streiten. | Foto: RubberballJugendsprache dient der Abgrenzung, ist Zeichen der Nonkonformität, trägt zur Identitätsfindung und -bildung bei. Das wissen wir längst, denn Jugendsprache gibt es nicht erst seit dem 21. Jahrhundert. Jeder ist durch diese Phase gegangen, sei es die Hippie-Generation der 60er Jahre, seien es die Jugendlichen der wilden 70er, der bunten 80er oder gar der „oberaffengeilen“ 90er. Kann seitdem eine Verrohung der Sprache festgestellt werden? Man könnte den Eindruck gewinnen, dass sich die Zeiten gewandelt haben und dass die heutige Jugend gewalttätiger und provokanter ist als man selbst als Jugendlicher, oder?

Verrohung der Jugendsprache schon auf dem Schulhof

Geht man heute auf einen Schulhof, traut man seinen Ohren nicht – es fallen Wörter wie „Hurensohn“, „Fotze“, „Schlampe“. Eine solche Verrohung scheint gang und gäbe zu sein. Die Begrüßungen „Ey, Alter, was geht ab?“ und „Yeaaaah, Diggi, was steht an?“ mögen zwar gewöhnungsbedürftig klingen, sind aber harmlos. Dann hört man jedoch „Yo, Spasti, alles fit?“ und „Hey, du Opfer!“. Das kann nicht freundschaftlich gemeint sein! Ebenso wenn Mädchen als „Schlampe“ oder mit dem englischen Äquivalent „Bitch“ (wahlweise auch „Biatch“) bezeichnet werden. Das sind nicht nur Slangausdrücke, das sind regelrechte Beleidigungen. Erhitzen sich die Gemüter, steigt das Level der Beleidigungen und der Aggressivität nur umso mehr. Respektvoller Umgang miteinander ist etwas anderes.

Für Erwachsene stellt sich die Frage, ob Jugendliche, die so mit ihresgleichen sprechen, noch respektvoll mit anderen Menschen umgehen können. Die Frage ist berechtigt, denn eine solche Brutalität überträgt sich durchaus auf das Verhalten. Sprechen und Handeln sind eng miteinander verbunden wie Neurowissenschaftler Joachim Bauer erläutert: „Die Sprache kann Handlungen nicht nur ersetzen, sondern auch ankündigen und ihnen den Weg bahnen.“

Katalysatoren des jugendsprachlichen Wandels

Wodurch wird dieser Wandel der Sprache – manche würden sagen: deren rapider Verfall – ermöglicht? Seit den 90er Jahren hat sich das Internet etabliert und heutzutage hat in der westlichen Welt fast jeder Anbindung daran. Außerdem nimmt seit den 2000er Jahren die Popularität der sozialen Netzwerke und anderer medialer Plattformen (z. B. YouTube) stetig zu. Jugendliche haben folglich schnelleren Zugang zu einer großen Fülle an Informationen, sind besser miteinander verknüpft und können eigene Inhalte einfach veröffentlichen. Diese Aspekte haben natürlich Vorteile, bringen aber auch Nachteile mit sich: z. B. der Zugriff auf Pornographie-Seiten oder Cyber-Mobbing.

Es kommt hinzu, dass Jugendliche durch Fernsehen und Werbung ständig Darstellungen von Sex und Gewalt exponiert sind. Es wird suggeriert, dass gewalttätige, fluchende Männer attraktiv und erfolgreich sind. Frauen werden häufig auf ihren Körper und ihren Sex-Appeal reduziert. Auch Musik spielt eine wichtige Rolle. Unter Jugendlichen beliebte Rapper wie Kay One oder Haftbefehl besingen soeben beschriebenes Weltbild mit denselben vulgären und gewalttätigen Ausdrücken der Jugendsprache. Durch YouTube gelangen solche Videos schnell zu Ruhm. Es ist verständlich, dass Jugendliche davon angezogen sind, denn Rangordnung und Sexualität sind seit jeher wichtige Themen in der Pubertät. Viele Jugendliche wollen sich durch eine möglichst provokative und vulgäre Jugendsprache beweisen, wobei sie teilweise diese Einstellung auf ihre Handlungen übertragen. Insbesondere Lehrer sind dem ausgesetzt. Vermehrt äußern sie ihre Bedenken und Ängste ob der jugendsprachlichen Verrohung. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband erstellte zum Thema jugendsprachliche Verrohung sogar ein Manifest, um auf die Bedenken der Lehrer aufmerksam zu machen.

Die Verrohung der Jugendsprache – ein globales Phänomen?

Der Wandel der Jugendsprache ist keine deutsche Eigenheit: Er wird in Europa und Amerika, aber auch in Afrika und Asien beobachtet. In England z. B. begrüßen sich Jugendliche seit einiger Zeit als „bruv“ (abgewandelte Kurzform von „bro“ = Bruder) oder „chav“ (wahrscheinlich aus dem Rumänischen „chavo“ = Junge, Jugendlicher). Und auch dort bemerken Linguisten die stetige Zunahme von Vulgarismen. Mädchen bezeichnen einander als „skank“ ((hässliche) Schlampe) oder „basic bitch“ (in etwa: eingebildetes Mädchen mit durchschnittlichem Aussehen). Durch YouTube-Videos, Vines u. Ä. werden Aufnahmen von solchen Streits zwischen Mädchen, den sog. „cat fights“, leicht verbreitet. Auch in der englischsprachigen Musik stellt man eine Verrohung und Sexualisierung fest, beispielsweise bei Nicki Minaj oder Kanye West. Diese sind ebenfalls in nicht anglophonen Ländern berühmt und nehmen so länderübergreifend Einfluss auf Jugendliche.

Sprachwissenschaftler aus der ganzen Welt beschäftigen sich mit dem Thema der jugendsprachlichen Verrohung, da sie eine prägende Komponente der Gesellschaft von morgen darstellt. Jedoch ist es schwierig, genaue Aussagen darüber zu treffen, wie sich der jugendsprachliche Wandel auf die zukünftige Gesellschaft auswirken wird. Begibt man sich in die sozialen Netzwerke, scheint es, dass dieser Wandel irreversibel ist, da ebenfalls Erwachsene verstärkt zu vulgärer Sprache greifen. Die deutschen Linguisten Norbert Dittmar und Nils Bahlo vertreten hingegen die Ansicht, dass sich die Jugendsprache mit zunehmendem Alter des Sprechers in Richtung „Erwachsenensprache“ entwickelt und dies „einen kognitiven Reifeprozess“ darstellt.

Wer sich in die Eigenheiten der aktuellen Jugendsprache stürzen möchte, kann in den folgenden Online-Wörterbüchern schmökern:

Deutsch: Sprachnudel
Englisch: Urban Dictionary

Man kann sich aber auch an diesen Online-Übungen probieren.

Kulturtipp: Philipp Scharri

Der Kabarettist und Slam-Poet Philipp Scharri mit neuem Soloprogramm „Kreativer Ungehorsam“ am 12. Juni in Köln

Philipp Scharri

Philipp Scharri, derzeit unterwegs mit seinem Programm „Kreativer Ungehorsam“

Als regelmäßige Hörerin von „Unterhaltung am Wochenende“, dem Programm von WDR 5 für Kabarettliebhaber, habe ich am 30. Mai wieder einmal einen wahren Sprachakrobaten für mich entdeckt. Die Rede ist von Philipp Scharrenberg, kurz Philipp Scharri, dem preisgekrönten „Wortuosen“. (Warum ich erst jetzt von ihm gehört habe, sei einmal dahingestellt …)

Sein Beitrag „Scheiß Buch“ war so erfrischend sprachwitzig und intelligent, dass ich – nachdem die Lachtränen getrocknet waren – gleich nach weiteren Beiträgen oder Auftritten von Philipp Scharri in der Region Köln recherchierte … und zum Glück auch fündig wurde: Am 12. Juni wird Philipp Scharri sein aktuelles Programm „Kreativer Ungehorsam“ im legendären Senftöpfchen-Theater in Köln aufführen. Weitere Termine finden Sie hier.

Wenn Sie bis ins Detail ausgefeilte sprachliche Achterbahnfahrten – gepaart mit viel Körpereinsatz – und Stand-up-Comedy lieben, dann ist das neue Soloprogramm vom „Deutschsprachigen Poetry-Slam-Meister 2009“ und „Deutschen Kabarettmeister 2013/2014“ bestimmt ein guter Tipp für Sie.

Was Sie in Philipp Scharris Soloprogramm „Kreativer Ungehorsam“ erwartet

Der sich selbst als manisch-kreativ bezeichnende Bühnenderwisch wird als virtuoser „Reimwerker“ der deutschen Sprache zu Leibe rücken und auf seine witzige sowie spritzige Art satirische Geschichten präsentieren, die irgendwo zwischen Slam-Poetry, Kabarett und Wortakrobatik einzuordnen sind. So wird im Programm „Kreativer Ungehorsam“ der Erlkönig rappen, die Muse des Dichters an ihrem „Genitivbereich“ herumspielen und die Götter werden „Buddha bei die Fische“ geben.

Die sprachlich ausgefeilten Stücke sind ein Genuss, und das nicht nur für uns bei Wort für Wort, die wir als Texter, Lektoren, Korrektoren und Übersetzer in unserem Job täglich mit Sprache umgehen.

Kostprobe von Philipp Scharri gefällig?

Hier als kleine Kostprobe zwei Beiträge, die uns Philipp Scharri freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Die CD des Programms „Kreativer Ungehorsam“ erscheint im Spätherbst 2015.

„Scheiß Buch“: https://www.youtube.com/watch?v=fdjLhm47I-w

Von dem Verb, das ein Nomen sein wollte:

https://www.youtube.com/watch?v=35MxwZtI9BM

Wir wünschen Ihnen viel Spaß!

 

 

Die Wahl zum Unwort des Jahres 2014

Die Wahl für das Unwort des Jahres 2014 steht an. Auch das Team von Wort für Wort hat seine Vorschläge eingereicht.

Inzwischen ist es bereits Tradition: Im Januar wird das Unwort des jeweils vergangenen Jahres gewählt. Bis zum 31. Dezember war es möglich, Vorschläge für das Unwort des Jahres  bei der Jury einzureichen, welche sich aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten zusammensetzt. Außerdem beruft sie jährlich wechselnd ein weiteres Mitglied aus der Kultur- und Medienbranche. Dieses Jahr fiel die Wahl auf die Journalistin, Autorin und Moderatorin Christine Westermann.
Die Jury lenkt bei der Auswahl ihren sprachkritischen Blick gezielt auf Wörter, die die sachliche Angemessenheit oder Humanität missachten. Unwörter des Jahres verstoßen so in der Regel gegen das Prinzip der Menschenwürde oder der Demokratie oder sind gar euphemistisch bzw. irreführend.
Wie oft ein Wort vorgeschlagen wurde, ist für die Entscheidung der Jury übrigens egal. Wichtig ist vielmehr, dass die Wörter die zuvor genannten Kriterien erfüllen, eine gewisse Aktualität besitzen und öffentlich geäußert wurden.
Das Unwort des Jahres 2013 lautete Sozialtourismus. Zur Begründung dieser Entscheidung gab die Jury an, dass das Wort Tourismus eine freiwillige, erholsame Tätigkeit vermittle, während das Bestimmungswort sozial im Gegensatz dazu das Ziel der Zuwanderung darauf reduziere, Profit aus dem deutschen Sozialsystem zu schlagen.
Auch für 2014 ist die Auswahl an potentiellen Unwörtern groß. In der Presse wurden bereits vermeintliche Gewinner wie Putin-Versteher oder Sterbehilfetourismus lanciert. Ob einer dieser Begriffe es jedoch aufs Siegertreppchen schaffen wird, ist noch unklar. Denn laut der Jury-Vorsitzenden Prof. Dr. Nina Janich wartet man noch auf einen Favoriten.
Wie sieht es bei Ihnen aus? Haben Sie auch schon einen Vorschlag für das Unwort des Jahres eingereicht?

Unsere Vorschläge für das Unwort des Jahres 2014

Auch die Lektoren, Übersetzer und Texter von Wort für Wort haben sich Gedanken gemacht und Vorschläge für das Unwort des Jahres 2014 eingereicht. Unsere Vorschläge sind: Super-Streik, Homosexuellen-Propaganda, IS-Kämpfer, Ökodiktatur, Suizidtourismus und Flüchtlingsproblem.
Mit Vorfreude erwarten wir die Entscheidung der Jury am 13. Januar 2015 und sind gespannt, ob vielleicht einer unserer Vorschläge das Rennen machen wird.